Nigel Harris – Radio Carolines Fels in der Brandung

50 Jahre am Mikrofon von Radio Caroline

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Ich höre Radio Caroline seit 1972 und habe seitdem kaum ein wichtiges Kapitel der bewegten Geschichte dieses legendären Senders verpasst. Viele Moderatoren kamen und gingen, manche blieben nur wenige Wochen, andere kehrten nach Jahren zurück. Einer jedoch war über Jahrzehnte hinweg nahezu ununterbrochen präsent: Nigel Harris, der in seinen ersten Caroline-Jahren noch unter dem Namen Stuart Russell moderierte. Kaum jemand verkörpert den Geist der berühmten Caroline Family so sehr wie er.

Stuart Russel – © Marc Jacobs

Am 15. Mai 2026 konnte Nigel Harris nahezu unbemerkt ein außergewöhnliches Jubiläum feiern: Mit Beginn der 24-stündigen Mittelwellensendungen auf 192 Metern (1562 kHz) am 15. Mai 1976 präsentierte er als Stuart Russell seine allererste Show auf Radio Caroline. Was damals begann, entwickelte sich zu einer der bemerkenswertesten Karrieren der Offshore-Radiogeschichte. Zwischen 1976 und 1980 verbrachte er insgesamt 2.221 Stunden hinter dem Mikrofon auf der MV Mi Amigo und stellte damit einen bis heute legendären Rekord auf. Gemeinsam mit Roger Mathews arbeitete er sogar dreizehn Wochen und sechs Tage ohne Ablösung an Bord.

Nach dem Untergang der Mi Amigo beteiligte sich Nigel an den Projekten Radio Phoenix und Radio Paradise, bevor er 1984 auf das neue Sendeschiff MV Ross Revenge zurückkehrte. Dort war er bis Oktober 1990 insgesamt weitere 958 Stunden auf Sendung und wurde schließlich der letzte Programmchef in Carolines Offshore-Ära.

Wer Nigel heute erlebt, spürt kaum etwas von den Strapazen jener Jahre. Tatsächlich gehörten stürmische Überfahrten, technische Pannen und gefährliche Situationen zum Alltag. In einem Interview, das der britische Autor Ray Clark für seine Dokumentationen und sein Buch Radio Caroline – The True Story of the Boat That Rocked führte, erinnerte sich Nigel mit viel Humor an diese außergewöhnliche Zeit.

Stuart Riussel (photo archive Stevie Gordon)

Eine seiner Lieblingsgeschichten spielt auf der Mi Amigo Ende der siebziger Jahre. Während Nigel gerade seine Frühstückssendung moderierte, riss unbemerkt der Anker des Sendeschiffs. Der nervöse Kapitän stürmte ins Studio und ermahnte ihn eindringlich, unter keinen Umständen etwas darüber zu sagen, damit die Behörden nichts von der Situation bemerkten. Nigel moderierte unbeirrt weiter – bis plötzlich eine junge Frau, die zuvor vom Kapitän über den Ankerbruch informiert worden war, völlig unbekleidet das Studio betrat, sich ihm gegenübersetzte und dort während der gesamten Sendung blieb. “Wie ich diese Stunde professionell überstanden habe, weiß ich bis heute nicht”, erzählt Nigel lachend.

Nicht minder legendär waren die oft stundenlangen Tenderfahrten zwischen Ostende und der Mi Amigo. Besonders eine Fahrt blieb ihm unvergesslich. Bei schwerem Wetter wurde ihm so schlecht, dass er ernsthaft darüber nachdachte, über Bord zu springen, nur um die unerträgliche Seekrankheit zu beenden. Aus Sorge um seinen Zustand banden ihn die Besatzungsmitglieder kurzerhand mitsamt einem Stuhl auf dem Deck fest. Erst als das Fischerboot längsseits der Mi Amigo ging, wurde er wieder befreit. Für Nigel war es die schlimmste Überfahrt seiner gesamten Offshore-Zeit.

Auch die kleinen Versorgungsboote sorgten regelmäßig für unfreiwillige Komik. Ein Skipper fuhr mit einem winzigen Holzboot hinaus, bei dem entweder das Radar oder die Kabinenbeleuchtung funktionierte – niemals beides gleichzeitig. Da die Fahrten meist nachts stattfanden, wurde häufig auf das Radar verzichtet. Das Ergebnis: Das Boot lief regelmäßig auf Sandbänke auf. Kam man ohne Grundberührung am Sendeschiff an, galt dies beinahe schon als außergewöhnliches Ereignis.

Standbild aus einem Video von 1987 (Nigel Harris):

Doch nicht alle Erinnerungen sind heiter. Besonders eindrucksvoll schildert Nigel die Nacht im November 1987, als der rund 90 Meter hohe Sendemast der Ross Revenge während eines schweren Sturms einstürzte. Wenige Wochen zuvor hatte bereits der verheerende Oktoberorkan den Mast stark beschädigt. Als das Schiff nun quer zur Dünung geriet, versagte schließlich die Konstruktion. Nigel holte gerade noch seine Videokamera hervor und begann wenige Sekunden vor dem Einsturz mit den Aufnahmen. Kurz darauf erschütterten zwei gewaltige Schläge das Schiff, als der Stahlmast abknickte und über die Reling ins Meer stürzte. Die gesamte Besatzung legte Rettungswesten an und wartete stundenlang in der Kombüse, während Kapitän und Techniker den Schaden begutachteten. Erst nach mehreren Stunden konnten die Reste des Mastes mit Schneidbrennern entfernt werden. Trotz der schweren Schäden gelang Radio Caroline das scheinbar Unmögliche: Bereits acht Tage später war der Sender mit einer provisorischen Antenne wieder auf Sendung.

Nur zwei Jahre später erlebte Nigel einen weiteren dramatischen Einschnitt. Am 19. August 1989 enterte eine gemeinsame britisch-niederländische Einheit aus rund dreißig bewaffneten Beamten die Ross Revenge. Mit Vorschlaghämmern wurden Sendeanlagen zerstört, Tonbänder und Studiomaterial beschlagnahmt. Ziel der Aktion waren Radio Caroline und das niederländische Radio 819. Die Behörden beriefen sich darauf, dass die panamaische Registrierung des Schiffes abgelaufen sei und die Sendungen den Seefunk störten. Obwohl die Mittelwellensender schwer beschädigt worden waren, gab die Mannschaft nicht auf. Bereits im Oktober 1989 gelang es, Radio Caroline mit improvisierter Technik und reduzierter Leistung wieder auf Sendung zu bringen – ein weiteres Beispiel für den außergewöhnlichen Durchhaltewillen der Caroline-Crew.

Nach dem Ende der Offshore-Ära wechselte Nigel zunächst zur Voice of Peace vor der Küste Israels und arbeitete später unter anderem für Invicta FM, Breeze AM, EKR, KMFM und RFM. Heute moderiert er weiterhin jeden Freitagnachmittag auf Radio Caroline sowie unter seinem früheren Namen Stuart Russell bei Quasar Radio.

Nigel hat die vielen Jahre auf See nie vergessen. Er besuchte zahlreiche Offshore-Radio-Conventions und Reunions und hielt sich dabei meist bescheiden im Hintergrund. 2009 veröffentlichte er mit Ships in Troubled Waters seine Erinnerungen an die bewegte Offshore-Zeit. Neben seiner Radiotätigkeit wirkt er bis heute als Kirchenorganist.

Nigel Harris (Stuart Russel) photo Radio Caroline on Facebook

Seit den letzten Caroline-Sendungen aus internationalen Gewässern sind inzwischen mehr als dreieinhalb Jahrzehnte vergangen. Seither sendet Radio Caroline mit allenfalls kurzfristigen Unterbrechungen von Land – etwa im Rahmen von RSLs (Restricted Service Licences), aber jahrelang auch über Satellit und inzwischen im Internet, Mittelwelle 648 kHz oder via DAB. Dies geschieht aus Landstudios und an einem Wochenende im Monat auch vom Sendeschiff Ross Revenge. Einer, der fast immer dabei war und ist: Nigel Harris, für viele Hörer noch immer die Stimme von Radio Caroline. Seine Sendungen zeichnen sich durch außergewöhnliche Musikauswahl, große Sachkenntnis und einen ebenso ruhigen wie sympathischen Präsentationsstil aus. Wer freitagnachmittags einschaltet, hört nicht nur einen besonders erfahrenen und angenehmen Moderator, sondern einen der letzten noch aktiven Zeitzeugen der großen Offshore-Radio-Ära.

Martin van der Ven, Juni 2026

Einige Audiodateien, Fotos und Videos: