Radio, die Jacob Ruppert und Admiral Byrds zweite Antarktis-Expedition
Als Admiral Richard E. Byrd zu seiner zweiten Antarktis-Expedition (1933–1935) aufbrach, kehrte er nicht lediglich auf den südlichsten Kontinent zurück, um die geografischen Entdeckungen seiner ersten Unternehmung zu erweitern. Dieses Mal sollte die Antarktis selbst sprechen – regelmäßig, hörbar und live – zur Außenwelt. Das Radio verwandelte die Expedition von einem isolierten polaren Unternehmen in ein globales Rundfunkereignis, und im Zentrum dieser Leistung stand das Flaggschiff der Expedition, die S.S. Jacob Ruppert.
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Radio als Lebensader der Expedition
Bis 1933 hatte sich der Kurzwellenfunk über große Entfernungen gerade so weit entwickelt, dass Ingenieure und Rundfunkveranstalter wagten, was zuvor noch nie versucht worden war: dauerhafte bidirektionale Funkverbindungen und planmäßige Unterhaltungssendungen aus der Antarktis. Byrds zweite Expedition führte mehr Funkausrüstung mit sich als jede Entdeckungsreise zuvor. Die Ingenieure selbst räumten ein, dass sie vor der Abreise nicht einmal angeben konnten, wie viele Sender letztlich „am Ende der Welt“ in Betrieb genommen würden.
Das Radio erfüllte mehrere Funktionen zugleich. Es war Sicherheitsverbindung zwischen Expedition und Zivilisation, Führungs- und Kontrollsystem für Schiffe, Flugzeuge, Hundeschlitten und Basisstationen, wissenschaftliches Instrument – und vor allem ein Massenkommunikationsmittel. Über die Netze von CBS und NBC verfolgten Amerikaner die Expedition nahezu in Echtzeit und hörten Stimmen von einem Kontinent, der noch weitgehend terra incognita war.
Die S.S. Jacob Ruppert: Vom Frachtschiff zur schwimmenden Funk- und Radiostation
Das Flaggschiff der Expedition begann seine Existenz als 8.257 Tonnen schweres Stahlfrachtschiff Pacific Fir, ursprünglich im Holzhandel an der US-Westküste eingesetzt und später zusammen mit überschüssigen Schiffen aus dem Ersten Weltkrieg in Staten Island aufgelegt. Vom U.S. Shipping Board für den symbolischen Betrag von einem Dollar pro Jahr geleast, wurde das Schiff vollständig überholt und in Jacob Ruppert umbenannt – zu Ehren eines der wichtigsten finanziellen Förderer Byrds.
Unter dem Kommando von Kommodore Hjalmar Fridtjof Gjertsen, einem norwegischen Marine-Eispiloten, wurde die Jacob Ruppert nicht nur zum logistischen Rückgrat der Expedition, sondern auch zu einem schwimmenden Rundfunk- und Kommunikationszentrum. Auf der Ausreise 1933 führte sie 45 Offiziere und Besatzungsmitglieder und lief von Boston über den Panamakanal, Osterinsel und Wellington (Neuseeland), bevor sie weiter südwärts zur Ross-Eisschranke vorstieß.
Sogar Marconi wirkte im Hintergrund mit
Das Columbia Broadcasting System übernahm die vollständige Verantwortung für die funktechnische Infrastruktur der Expedition. CBS stellte sämtliche Sende- und Empfangsanlagen bereit und koordinierte den gesamten Kommunikationsbetrieb. Die Kosten für dieses Vorhaben bezifferte das Unternehmen auf rund eine Million Dollar. Die Byrd-Expedition selbst wurde durch eine Kombination aus privaten Geldgebern und kommerziellen Partnern finanziert, wobei CBS und seine Sponsoren eine zentrale Rolle spielten.
Zur Unterstützung der ehrgeizigen Kommunikationspläne stellte die Federal Radio Commission – die Vorgängerorganisation der heutigen Federal Communications Commission – der Expedition fünfzehn Frequenzen zur Verfügung: 6.650, 6.660, 6.670, 8.820, 8.840, 13.185, 13.200, 13.230, 13.245, 13.260, 17.600, 17.620, 21.515, 21.600 und 21.625 kHz.
In den Monaten vor dem Aufbruch von Byrds zweiter Antarktisexpedition im Oktober 1933 warnte der technische Berater von CBS, Edwin K. Cohan, dass erst praktische Erprobungen zeigen würden, welche Frequenzen zuverlässige Funkverbindungen gewährleisten könnten. Seine Vorsicht erwies sich als berechtigt. Zwar berichteten Kurzwellenhörer, Signale aus Little America auf einer Vielzahl von Frequenzen empfangen zu haben, doch lediglich zwei – 8.820 und 13.200 kHz – stammten tatsächlich aus der von der FRC genehmigten Frequenzliste.
Cohan stand bei der Bewältigung dieser Herausforderungen nicht allein. Zu jener Zeit war die Wissenschaft der Fernfunkverbindungen durch die geomagnetisch besonders aktiven Polarregionen noch weitgehend unerforschtes Terrain. Ein hochkarätig besetztes Gremium technischer Berater brachte sein Fachwissen ein, darunter Dr. T. S. McCaleb von der Harvard University, A. Y. Tuel, Vizepräsident von International Telephone and Telegraph, der leitende Western-Electric-Manager Harry Young, William Thompson von American Telephone and Telegraph, S. H. Simpson von RCA sowie nicht zuletzt der legendäre Marchese Guglielmo Marconi, der allgemein als „Vater des Radios“ gilt.
Gleichwohl herrschte erhebliche Unsicherheit darüber, wie effektiv sich Funksignale zwischen der Antarktis und den Vereinigten Staaten ausbreiten würden. Frühe Einsatzplanungen sahen daher vor allem die Weiterleitung der Signale über die Station LSK in Buenos Aires vor.
Marconi vermutete jedoch, dass die in Betracht gezogenen höheren Frequenzen zwischen 6 und 21 MHz direkte Funkverbindungen über bislang unerreichte Entfernungen ermöglichen könnten. Überzeugt von dieser Prognose bot er an, an Bord seines berühmten schwimmenden Labors – der Yacht Elettra – eine Empfangsstation einzurichten. Das Schiff lag zu diesem Zweck vor der italienischen Küste, um Sendungen aus Little America abzufangen.
Nach Aufnahme des Funkbetriebs bestätigten die Ereignisse rasch Marconis Optimismus. Direkte Funkverbindungen über Entfernungen von mehr als 10.000 Meilen erwiesen sich als durchaus realisierbar. Der Empfang gelang nicht nur professionellen Überwachungsstationen, sondern auch gewöhnlichen Kurzwellenhörern in den Vereinigten Staaten, wobei sich die Signale sogar auf Frequenzen bis hinunter zu etwa 6 MHz erfolgreich ausbreiteten.
Für eine zuverlässige relaisfähige Übertragung blieben jedoch häufig Zwischenstationen erforderlich. Zu den wichtigsten gehörten neben der argentinischen Station LSK auch KKW in Koko Head auf Hawaii sowie eine Überwachungsstation von RCA in Bolinas, Kalifornien.
Im Zentrum des Kommunikationsnetzes der Expedition stand die Station KJTY. Sie arbeitete mit einem 1.000-Watt-Sender, der zunächst an Bord des Expeditionsschiffes S.S. Jacob Ruppert installiert war und als entscheidendes Bindeglied zwischen dem antarktischen Außenposten und der übrigen Welt diente.
Eine Funk- und Sendeanlage auf dem Niveau eines Kriegsschiffes
Zeitgenössische Berichte betonen, dass der Funkraum an Bord der Jacob Ruppert mit dem eines größeren Kriegsschiffes vergleichbar war. Die Installation gliederte sich in drei funktionale Systeme:
Amtlicher Funkverkehr (CW)
Morse- (CW-) Sender und -Empfänger wickelten den gesamten offiziellen Nachrichtenverkehr der Expedition über das Mackay-Radiosystem ab und stellten eine zuverlässige kommerzielle Verbindung zur Außenwelt sicher.
Rundfunksendungen
Unterhaltungs- und Informationsprogramme wurden mit einem speziellen 1.000-Watt-Telefoniesender (AM) ausgestrahlt, der mit großformatigen Elektronenröhren arbeitete. Diese Sendungen waren in den Vereinigten Staaten regelmäßig zu hören, nachdem das Schiff im Oktober 1933 den Panamakanal passiert hatte.
Empfang und Überwachung
Einer der Hauptempfänger an Bord war der bekannte National-AGS-Kommunikationsempfänger, geschätzt wegen seiner Einknopf-Abstimmung – ein wesentlicher Vorteil unter Expeditionsbedingungen. Ein vollständiger Satz AGS-Spulen erlaubte den Empfang praktisch aller denkbaren Wellenbereiche.
Allein die Funklager des Schiffes umfassten über 2.000 Einzelkomponenten mit einem Gesamtgewicht von rund drei Tonnen. Dazu gehörten:
- 10 Sender
- 14 Empfänger
- 143 Senderröhren
- 440 Empfängerröhren
- 115 Quarzkristalle
- 23 Mikrofone
- 2 vollständige Aufzeichnungsgeräte
- 55 Messinstrumente
Zusätzlich wurden Empfänger für den Rundfunkbereich sowie für Langwellenempfang mitgeführt, was die Notwendigkeit widerspiegelt, Stationen weltweit überwachen zu können.
Rundfunk vom Schiff
Der für Rundfunksendungen verfügbare Raum an Bord der Jacob Ruppert war äußerst begrenzt. Das Studio maß etwa 1,8 × 2,4 Meter (6 × 8 Fuß) und lag unmittelbar neben dem Funkkontrollraum. Der Platzmangel war so groß, dass das Studio zugleich als Schlafraum für vier Mitglieder der Funkmannschaft diente; entsprechend waren dort vier Kojen eingebaut. Vier Regler an der Schalttafel steuerten den Strom zu den Studiomikrofonen.
Trotz dieser Einschränkungen entstanden während der dreimonatigen Südfahrt eine Reihe von Samstagabend-Sendungen. Diese frühen Programme, ausgestrahlt unter dem Rufzeichen KJTY, stammten häufig aus einem improvisierten Kabinenstudio und wurden über Südamerika zur transozeanischen Empfangsstation von RCA in Riverhead (Long Island) weitergeleitet, bevor sie in das CBS-Netz eingespeist wurden.
Vom Schiff aufs Eis: Little America geht auf Sendung
Nach dem Erreichen der Bucht der Wale und der Errichtung der Basis Little America im Januar 1934 wurde der Funkbetrieb erheblich ausgeweitet. Der 1.000-Watt-Sender wurde vom Schiff an Land gebracht und auf dem Ross-Schelfeis neu installiert, wo er unter dem Rufzeichen KFZ arbeitete. Die Stromversorgung erfolgte durch einen 1.000 Pfund schweren benzinbetriebenen Generator – das schwerste einzelne Funkgerät, das nach Süden transportiert wurde, und die einzige verlässliche Energiequelle der Basis.
Die Antennen sollten an den noch vorhandenen Türmen der vorherigen Byrd-Expedition befestigt werden; vorsorglich führte die Mannschaft jedoch Material für neue Türme mit, falls antarktische Stürme die alten zerstört hatten.
Von Little America aus wurden Sendungen über Entfernungen von mehr als 10.000 Meilen ausgestrahlt. Die Signale wurden häufig über Buenos Aires weitergeleitet und anschließend über RCA-Anlagen nach New York übertragen, wo CBS sie an 59 Schlüsselstationen in den Vereinigten Staaten verteilte. Der CBS-Kurzwellensender W2XE leitete die Programme außerdem nach Europa, Kanada, in den Pazifikraum und sogar nach Australien weiter, wo die 1.000-Watt-Signale mitunter direkt empfangen werden konnten.
Flugzeuge, Schlitten und die Ausweitung der Funkabdeckung
Das Radio begleitete nahezu jedes Verkehrsmittel der Expedition. Byrds Curtiss-Condor-Flugzeug war mit einem 50-Watt-Sender ausgerüstet, wodurch der historische Flug zum Südpol nahezu unmittelbar gemeldet werden konnte. Das Signal wurde von Little America über eine 200-Watt-Station zur Jacob Ruppert und von dort weiter in die Vereinigten Staaten übermittelt.
Weitere Flugzeuge – darunter Fokker- und Fairchild-Maschinen – waren ähnlich ausgestattet. Selbst Hundeschlitten führten 1-Watt-VHF-Sender und -Empfänger im 5-Meter-Band mit, was eine Kurzstreckenkommunikation zwischen Schlittenmannschaften und Basis ermöglichte – ein außergewöhnlicher Grad an Integration für die frühen 1930er-Jahre.
Die menschliche Stimme vom Ende der Welt
Die Sendungen selbst waren informell, mitunter chaotisch und außerordentlich populär. Die Programme kombinierten Nachrichten, wissenschaftliche Berichte, Musik und improvisierte Unterhaltung. Sponsoren wie General Foods finanzierten die Sendungen; Werbeansagen wurden häufig live aus der Antarktis gesprochen. Ein markantes akustisches Erkennungszeichen war das Bellen von „Mike“, einem Schlittenhund, dessen Stimme viele Sendungen eröffnete.
CBS entsandte den Ingenieur John Newton Dyer zur technischen Betreuung vor Ort sowie den Journalisten und Sprecher Charles J. V. Murphy, der zugleich als Produzent, Autor, Regisseur und Moderator fungierte. NBC und General Electric antworteten mit eigenen Sendungen an die Expedition über W2XAF, darunter ein äußerst populärer „Postbeutel“-Dienst, der es Familien ermöglichte, kurze Nachrichten nach Little America zu senden und Antworten zu erhalten.
Nachwirkung
Gegen Ende des Jahres 1934, als der antarktische Sommer zurückkehrte und die wissenschaftliche Arbeit an Intensität gewann, trat der Rundfunkbetrieb allmählich in den Hintergrund. Die Leistung blieb jedoch beispiellos. Noch nie zuvor hatte eine Expedition Rundfunkveranstaltern, Kurzwellenhörern und Funkamateuren derart umfassende Möglichkeiten geboten.
Die S.S. Jacob Ruppert, einst ein stillgelegtes Frachtschiff, hatte als erste echte antarktische Rundfunkplattform gedient. Gemeinsam mit den Sendern, Empfängern, Generatoren und Antennen, die über Ozeane und Eis nach Süden gebracht worden waren, trug sie dazu bei, zu beweisen, dass das Radio Entfernungen selbst aufheben konnte – und das „Ende der Welt“ in die Wohnzimmer tausende Meilen entfernt brachte.
Martin van der Ven, Februar 2026
Quellen:
Short Wave Craft. January 1934
Radio News. July 1934
Popular Communications. January 1985
